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EINE BIOGRAFISCHE NOTIZ

Carl Friedrich Schröer, 2008

Martín Mele lebt in einem fremden Land. Wie fremd es ist, wie fern oder vertraut, weiß er nicht sicher zu sagen. Denn er lebt schon seit geraumer Zeit in der Fremde, eigentlich schon immer. Wer wie er in Argentinien geboren ist, muß mit einer gewissen Fremdheit umgehen lernen. Zumal "als Mann, der an seine Nase festgeklebt war." Sein Vater hatte ihn spaßeshalber mit dem Poem des berühmten spanischen Dichters Quevedo vertraut gemacht und ihn so, je länger und eigenwilliger seine Nase wuchs, mit der Weltliteratur in eine besondere Verbindung gebracht.

Die Vorfahren der allermeisten Argentinier sind über das Meer ins Land gekommen. Und wollten sie wieder fort, wozu es im Laufe der Jahrhunderte wechselnde Gründe gab, mußten sie sich erneut auf ein Schiff begeben. So wurde der Hafen von Buenos Aires an der Mündung des Rio de la Plata in den Atlantischen Ozean zur Durchgangsstation der Einwanderer, wie der Auswanderer, ohne daß sie sich je begegnet wären. Die Wellen der Ankömmlinge wechselten mit denen der Abreisenden, wie Ebbe und Flut. Eines Tages, als die Nase noch nicht ganz ausgewachsen war, schiffte sich die Familie nach Europa ein, übers weite Meer in die Fremde. Amsterdam hieß das Ziel am anderen Ende des Atlantiks.

"Das Übel" klagt der argentinische Journalist und Schriftsteller (und spätere argentinische Staatspräsident) Domingo Faustino Sarmiento in `Barbarei und Zivilisation. Das Leben des Facundo Quiroga´, ein Buch, das er 1845 im chilenischen Exil veröffentlichte: "Das Übel, unter dem die Argentinische Republik zu leiden hat, ist ihre Weite: allenthalben ist sie von Wüste umschlossen, und diese schleicht sich bis in ihre Eingeweide: die Einsamkeit, die Einöde ohne menschliche Wohnstätten bildet im allgemeinen die unerbittliche Grenze zwischen den verschiedenen Provinzen. Dort herrscht überall die Unermeßlichkeit..." - Und überdies die Weite der Meere, zwischen denen die Pampa nun einmal liegt, die wochenlangen Schiffspassagen hin und her.

Der junge Mann, der an seine argentinische Nase geklebt war, wuchs also zwischen den Kontinenten auf. Spanien, wo er bei seinem Patenonkel Héctor Tizón, dem Schriftsteller und hochmögenden Verfassungsjuristen, der immer wenn es politisch brenzlig wurde, über das Meer exilierte, in die Lehre ging. Dann die Niederlande, Amsterdam, Arnheim und schließlich, den Rhein aufwärts, Deutschland. Die langen Schatten der Avantgarde im letzten Abendsonnenschein. Die Kunstakademie Düsseldorf am rechten Rheinufer, wo nicht weit entfernt das Geburtshaus von Harry Heine steht. Und wußte nicht, wo ihm der Kopf stand. Lüpertz, der grandioseste Darsteller des Malerfürsten am Ausgang des 20. Jahrhunderts. Mehr hier als da und wieder hier. Ein Frühreisender und Spätnomade, auch er. Wie so viele Künstlerexistenzen seiner Generation, die dem Gebot des globalen Marktes folgen. Und doch kein Heimatloser und Getriebener contre la nature. Hatte er doch von früh an gelernt, auf so etwas wie Heimat zu verzichten, um eine eigene Person auszubilden: Die schlanke, hagere Gestalt, die schulterlangen Haare, die Nase ohnehin, dazu die Tabakpfeife, die handgearbeitete Schuhe von Correa, die Maßanzüge des Schneiders Colmenares. Derart elegant betritt er das Atelier – und alle Pinsel, Tuben, Farbeimer, Müllwülste und Materialberge geben sich geschlagen.

Bei allem ist Martín Mele eine besondere Poesie beigegeben. Ich meine nicht, daß seine Materialcollagen, die Plastiken oder Bildobjekte, seine Installationen und Räume, auch die Malereien oder Performances literarisch in dem Sinne sind, wie Werke anderer Künstler erzählerisch und anekdotisch sind. Auch beziehen sich seine Arbeiten nicht unmittelbar auf literarische Vorlagen, noch sind es gar Illustrationen. Und doch ist ihnen das Literarische als Ingredienz und Urmelodie beigegeben, wie die surrealistische Sentenz avant la lettre des Francisco Gómez de Quevedo (1580-1645), dem jungen Martín Mele die Augen nach hintern öffnete. Die Kunst ist für ihn immer noch das fremde Land. Unermeßlich und überaus erstaunlich. Voller Neuigkeiten und Abstrusitäten. Immer ist die Reise ins weite Land voller Irrwege und nahe dem Scheitern. Das prinzipiell literarische seines Blicks auf die Kunst schafft eine natürliche Distanz, die das Überleben auf unsicherem Terrain sichert. Eine Leichtigkeit, eine feine Ironie, ein Witz gelangt so zum Ausdruck, die die Erinnerung an das Illusorische, das Absurde, das Theatralische und Trostlose seines Tuns und seiner Existenz wach halten.

Wie die Poesie zur schützenden Begleiterin auf seinen Schiffspassagen und Entdeckungsfahrten durch die fremden Welten geworden ist, so können wir seine Kunst aus der fremden Perspektive des Literarischen lesen lernen. Kafka, Camus und Borges als Charonisten: Wegbegleiter, Übersetzer und Fährmänner. Wir kennen das Phänomen von Radiosendungen, in denen die Interviews mit ausländischen Berühmtheiten der Musik oder Politik von den atemlosen Stimmen der Übersetzer überlagert werden, bis für nur wenige Sekunden am Ende der Aufnahme noch die Stimme des Befragten im Originalton zu hören ist. Was aber Originalsound, was Überlagerung und Übersetzung im Werk von Martín Mele ist, das erscheint als ebenso unmöglich und müßig, wie es schwerfallen dürfte, von den (zumeist europäischen) Vorfahren auf den besonderen Charakter der Argentinier zu schließen.

Das Unterwegssein als eigentliches künstlerisches Format, ein Movens und argentinisches Transitorium in infinitum. Oder, wie Jorge Luis Borges aus seiner allumfassenden `Bibliothek von Babylon´ zu berichten weiß, die Kunst der Kartographie einst eine solche Vollkommenheit erlangte, daß ihre beste Karte endlich die Größe des Reichs erlangte und sich mit ihm in jedem Punkt deckte. Die nachfolgenden Geschlechter diese aber ruchlos den Unbillen der Sonne und der Winter überließ, bis nur in den Wüsten des Westens zerstückelte Ruinen der Karten überdauerten, behaust von Tieren und Bettlern.